Preisträger 2006

 

Schelling Architektur-Preis 2006
Anne Lacaton & Jean Philippe Vassal

„Ihnen ist es gelungen, durch kreative Zurückhaltung die Architektur zu erneuern.“

Anne Lacaton und Jean Philippe Vassal gehören zu den wichtigen Repräsentanten der vielfältigen und ambitionierten zeitgenössischen französischen Architekturszene  und eröffnen eine neue Position in der internationalen Architekturdebatte. Sie schaffen mit hoher ökonomischer und sozialer Verantwortung atmosphärisch dichte, menschliche Räume. Das Architekturzentrum Wien wurde schon früh auf ihre Arbeiten aufmerksam.
Lacaton & Vassal sind die derzeit wahrscheinlich radikalsten Architekten. Ihre Radikalität ist nicht von der Erfindung neuer Formen getrieben, sondern von der permanenten Frage nach dem adäquaten Einsatz materieller Mittel, um optimale Atmosphären zu schaffen. Es ist faszinierend zu beobachten, wie sie bei jeder Bauaufgabe, vom einfachen, billigen Einfamilienhaus bis zum Luxushotel, immer das reichste räumliche Angebot als Ziel im Auge behalten. Dabei befreien sie sich auf eine grundsätzliche Art und Weise von allen herkömmlichen Bildern und Vorstellungen und versuchen ständig, Konventionen zu hinterfragen. Es ist in einer Zeit, in der Architektur vor allem als Produzent von spektakulären Bildern gesehen wird, geradezu provokativ, wenn die Verweigerung dieser Bilder als Lösung propagiert wird.
Lacaton & Vassal wurden 2000 zum französischen Beitrag der Architekturbiennale in Venedig eingeladen. Diese hatte das Motto „Less esthetics - more ethics“. Lacaton & Vassal wollten für das Budget des Beitrags Wasserpumpen für Afrika ankaufen und dies im Beitrag nur dokumentieren. Das war für die Verantwortlichen zuviel „ethics“ - der Beitrag wurde abgesagt.
Ebenso radikal wie ihre architektonische Position ist auch ihre Arbeitsmethode. Nichts wird zeichnerisch erfasst: Skizzen könnten sie selbst und später einmal die Bauherren dazu zwingen, an ersten Bildern festzuhalten. Sie arbeiten auch nicht mit Modellen, da diese den Blick von außen erzwingen und zu skulpturalen Lösungen animieren könnten. Vielmehr erweitern sie ständig ihre Arbeitsmethoden, forschen nach neuen Techniken und Wegen für die jeweils gestellten Projektanforderungen. Dietmar Steiner

>>> www.lacatonvassal.com


Schelling Architekturtheorie-Preis 2006
Werner Sewing

„Einzigartig ist seine analytisch scharfe und aufrichtige Beurteilung zeitgenössischer Architektur und Stadt.“

Am 28. Juli 2011 verstarb Werner Sewing nach schwerer Krankheit.

Werner Sewing darf gegenwärtig als international einflussreichster, wichtigster deutschsprachiger Architektur- und Stadttheoretiker gelten. In England, in den USA und in China stoßen seine Analysen und Thesen zu Architektur und Städtebau auf ein hohes Maß an Aufmerksamkeit, das – umgekehrt – seinem teilnehmenden Interesse an internationalen Entwicklungen zu danken ist. Während hierzulande geführte Diskurse oft in nationaler Enge ersticken, gelingt es ihm, größere Zusammenhänge mit ökonomischem, politischem, wirtschaftlichem und soziologischem Wissen herzustellen. Dabei bügeln seine Argumentationen mit Internationalität oder Disziplinen übergreifenden Ansätzen gerade nicht das Themenspektrum glatt. Im Gegenteil: Sie dienen dazu, die Einflüsse aus verschiedenen Kulturkreisen und Fachbereichen akribisch zu präzisieren.
Von kaum zu überschätzendem Wert ist Werner Sewings Engagement seit dem Fall der Mauer. In Berlin durch und durch urbaner Existenz verpflichtet, blieben seine Analysen und Kommentare zu Stadtentwicklung und Architektur in der Hauptstadt unabhängig von allen beteiligten Interessensgruppen. Lobbyisten, Politiker, Planer und Architekten durften in ihm nie einen instrumentalisierbaren Verbündeten suchen. Seine rhetorische Kraft ist gefürchtet. Konsens in jeglicher Form ist ihm als Architektur- und Stadttheoretiker, dessen Denken an Niklas Luhmann und später noch mehr an Max Weber geschult worden ist, suspekt. Er ist nicht radikal, sondern eigenständiger Erkenntnis zwischen Pop und Hochkultur verpflichtet.
Wenn ein „New Urbanism“ als Verheißung aus Amerika importiert wird, entlarvt Werner Sewing mit profunden Kenntnissen den Begriff als ästhetischen und sozialen Etikettenschwindel und hierzulande als Nobilitierungsversuch eines reaktionären Traditionalismus. Streitlustig analysiert er alles hinter den Bildern, mit denen Stadtplanung und Architektur im Zuge eines fragwürdigen „iconic turn“ reüssieren – und zollt dennoch den Architekten in ihrer gestalterischen Kompetenz Respekt. In seinem sprachgebundenen Engagement manifestiert sich die Notwendigkeit zeitgenössischer Architekturtheorie aufs Beste. Ursula Baus


Medaillen: Alejandro Aravena, Titus Bernhard, Sergison Bates | Uta Hassler, Niklaus
Kohler